Zeit der Muse, Zeit der Stille.

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Wir leben in einer Zeit der Ökonomisierung, also der “Verwirtschaftlichung”. Alles muss immer einfacher und vor allem günstiger, rationeller geschehen. Nichts soll und darf verschwendet werden. Unternehmen arbeiten mit Just-in-time Fertigung nur um kein Kapital fürs Lager einzusetzen. Und jeder scheint mit seinem Smartphone selbst seine privaten Termine im Griff zu haben.  Zeit ist Geld, die Uhr tickt, die Termine drängen. Zeitverschwendung als die große Sünde unserer Epoche? Selbst die Geschichte von Jesus und Petrus im letzten Artikel (Kein Schwärmer sein) weist in die Richtung.
Doch dann stöbere ich weiter in der Schrift und finde die Geschichte von Marta und Maria:

Ihre Schwester Maria saß Jesus zu Füßen und hörte ihm aufmerksam zu. Marta dagegen mühte sich mit der Bewirtung der Gäste. Sie kam zu Jesus und sagte: “Herr, ist es nicht ungerecht, dass meine Schwester hier sitzt, während ich die ganze Arbeit tue? Sag ihr, sie soll kommen und mir helfen.”
Lukas 10,39.40

Muss also Maria einen Weisel des Chefs befürchten? Wäre sie nach unserem Verständnis eine große Sünderin, faul und Zeit verschwendend?

 

Zeitverschwendung als Sünde?

Diese Geschichte von Marta und Maria (es gibt noch weitere von den beiden Frauen) ist eine herrliche Geschichte der vordergründigen Faulheit. Eine Geschichte die viel tiefer geht. Eine Geschichte die den Kern der christlichen Botschaft berührt und eine Geschichte, die jahrhundertelang den theologischen Unterschied zwischen evangelischen Christen und Katholiken markierte.

Ist das also eine reine Zeitverschwendung, wenn Maria sich da nur so vor die Füße Jesu’ setzt? Mal sehen, was Jesus als nächster macht, ob er Maria ermahnt, gefälligst ihrer vorbildlich fleißigen Schwester mehr zur Hand zu gehen und sich nicht vor seinen Füßen ausruhen solle:

Doch der Herr sagte zu ihr: “Meine liebe Marta, du sorgst dich um so viele Kleinigkeiten! Im Grunde ist doch nur eines wirklich wichtig. Maria hat erkannt, was das ist – und ich werde es ihr nicht nehmen.”
Lukas 10,41.42

Bumm, wer hätte das gedacht? Der Herr der die Faulheit geißelt und uns zum Fleiß anhält, der läßt Maria gewähren, lässt sie faulenzen, Zeit verschwenden?

Nun, Maria hat sich nicht vor Jesu’ Füßen ausgeruht. Dass sie hier so sitzt bedeutet, dass sie seine Schülerin und er ihr Lehrer war. Zu jener Zeit war das so üblich. Unüblich ist hingegen, dass Jesus, ein Rabbi, ein Lehrer, eine Frau unterrichtete. Das war sehr sehr unüblich und ist auch ein Hinweis darauf, dass Jesus Frauen selbstverständlich wertschätzte und auch mit einbezog, im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen (z.B. bei Zählungen in der Bibel werden immer nur die Männer gezählt).

Ja, bevor ich mich jetzt verzettle, also Maria hat da zu Jesu’ Füßen nicht gefaulenzt, sondern sie hat bei ihm gelernt oder hoffte jedenfalls auf eine neue Lektion. Marta hingegen war der Meinung, dass Jesus nach den Strapazen der Reise sicherlich hungrig wäre und es daher oberste Priorität hätte, Essen zuzubereiten. In Zeiten ohne Elektro- oder Gasherd, ohne Mikrowelle und Kühltruhe ein aufwendigeres Unterfangen als heutzutage. Und dann sollte sie alles alleine machen, weil die Frau Schwester schon beim Meister sitzt? Sie will ja auch so schnell wie möglich, aber erst mal soll der Hunger gestillt werden. Absolut ehrenwerte Motive und es ist auch verständlich dass sie einen Ordnungsruf des Meisters erwartet.

Jesus hingegen lässt sie abblitzen (und es lag sicher nicht an Martas Kochkünsten). Nicht Marta, sondern Maria verhält sich in seinen Augen richtig. Also, nicht diejenige, die sich für ihn den Buckel krumm macht, sondern diejenige, die sich zu seinen Füssen legt und von ihm lernen will!

Man kann also Maria und Marta als zwei Grundtypen von Menschen sehen:

  • Marta steht für diejenige, die sich durch gute Taten einen Platz beim Herren erarbeiten wollen, die sich seine Gnade verdienen wollen. So wie Marta der Meinung ist, dass nur dann, wenn sie Jesus endlich zu essen gegeben hat und er satt ist, sie sich Zeit nehmen kann, um bei ihm zu sein, seinen Ausführungen zu lauschen und von ihm zu lernen. Marta will also effizient arbeiten, indem sie zuerst den Hunger des Meisters stillt, erst dann ist Zeit und Platz für die Lehre und das Reich Gottes (davon erzählte Jesus ja den Menschen immer). Marta ist somit auch ein Prototyp für die katholische Sichtweise, die u.a. durch den Ablass zum Protestschrei eines kleinen Mönchs führte. Dieser Mönch, Martin Luther, löste die Reformation aus; er erkannte, dass man eher dem Beispiel Marias als Martas folgen sollte.
  • Maria ist der Prototyp derjenigen, die zunächst nach dem Reich Gottes streben, also dem was Jesus zu sagen hat und sich dann um den Rest kümmern. Maria geht also direkt und gleich zu Jesus. Sie erbringt vorher ihrem Herren keine Dienste und setzt sich sogleich zu seinen Füßen um von ihm unterwiesen zu werden. Sie weiß, dass es unmöglich ist, sich die Gnade des Herrn zu erarbeiten, egal wie hart man auch schuftet. Es ist Seine freie Entscheidung, uns diese Gnade zuteil werden zu lassen. Das entspricht dem reformatorischen Kernpunkt: Wir werden allein aus Glauben gerecht und wir können uns die Gerechtigkeit, also das Versöhnt-sein mit Gott, nicht erarbeiten oder erkaufen.

 

Langer Rede kurzer Sinn: Wir sollten uns ein Beispiel an Maria nehmen, hat doch Jesus selbst ihr Verhalten als das richtige angegeben.
Wenn es oben heißt, nach dem streben, was Jesus sagt … nun, wie soll das heute gehen? Jesus weilt nicht mehr unter uns und wir können uns nicht zu seinen Füßen hinsetzen um zu lernen. Jedoch, Jesus ist Gott, und Gott hat uns sein Wort hinterlassen. Wenn wir also wissen wollen, was Jesus zu sagen hat, dann brauchen wir nur in seinem Wort, in der Bibel nachzulesen. Sie gibt uns Orientierung im Leben und sie ist es, wonach wir zu allererst streben sollten. Alles weitere wird sich fügen.
Und im Übrigen: “Zu Füßen des Meisters Platz nehmen” kann heute selbstverständlich auch das Lesen der Bibel in einem gemütlichen Sessel mit einem Tässchen Kaffee oder Tee bedeuten, also Sie sehen, in den letzten 2000 Jahren hat sich komfortmäßig einiges getan.

 

Ihr

 

WirtschaftsGott

 

 

Bilder:
Zeit ist Geld:  Adolf Riess, pixelio.de
Buch und Tee: gänseblümchen, pixelio.de 

 

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13 Antworten auf "Zeit der Muse, Zeit der Stille."

  • Helga says:
  • Rhymia8 says:
  • Dingy says:
  • Ribs says:
  • buku rpp says:
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